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Legasthenie und Spracherkennung

Toni Teschke ist Legastheniker. Der Physik-Student erklärt, warum er beim Schreiben von Laborberichten der Schnellste ist, weshalb er Klausuren lieber an der Tafel schreibt und ab wann ihm der Deutschunterricht Spaß gemacht hat.
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Herr Teschke, Sie sind Legastheniker. Wann wurde bei Ihnen eine Legasthenie festgestellt?

Legasthenie hat eine neuronale genetische Ursache, das hat man von Geburt an. Diagnostiziert wurde sie bei mir in der ersten Klasse, als ich schreiben lernen sollte.

 

Können Sie kurz erklären, was Ihnen Schwierigkeiten bereitet?

Eine Legasthenie hat verschiedene Ausprägungen. Manche haben nur Schwierigkeiten beim Lesen, andere nur beim Schreiben. Bei mir ist es beides. Ich sehe Wörter als Bilder. Das heißt, ich kann die einzelnen Wörter nicht gut zu größeren Sinneinheiten zusammenziehen. Dadurch fällt es mir schwer wiederzugeben, was ich gelesen habe. Mit Zahlen und Gleichungen habe ich dagegen keine Probleme.

 

Damit Legastheniker in der Schule keinen Nachteil haben, werden Rechtschreibleistungen nicht bewertet. Bei Prüfungen erhalten sie einen Zeitzuschlag. Wie haben Sie das erlebt?

Prinzipiell habe ich mit dem Notenschutz positive Erfahrungen gemacht. Am meisten bringt allerdings eine Zeitverlängerung, weil man als Legastheniker viel langsamer schreibt als andere im gleichen Alter. In der Schule hatte ich daher zusätzlich eine Schreibassistenz. Ab der 10. Klasse konnte ich für Prüfungen dann die Spracherkennungssoftware Dragon nutzen.

 

Wie erging es Ihnen in Deutsch?

Als ich in der Mittelstufe die richtigen Hilfsmittel hatte – erstens die Software Dragon und zweitens ein Vorlese-Programm – hat Deutsch erstmals Spaß gemacht. Ich konnte mich voll und ganz auf den Inhalt konzentrieren und musste nicht daraufachten, wie man richtig schreibt. Außerdem war ich mit Dragon freier. Vorher brauchte ich für die meisten Hausaufgaben meine Mutter.

 

Wie lange dauert es, bis man das Diktieren mit Dragon beherrscht?

Ich brauchte einen halben Tag, bis ich mich sicher gefühlt habe. Mit der Zeit lernt man dann all die anderen Funktionen kennen, zum Beispiel die Internet-Navigation oder wie man mit Alternativvorschlägen umgeht.

 

Muss man beim Diktieren sehr deutlich sprechen?

Dragon gewöhnt sich an die individuelle Aussprache. Die Software hat zum Beispiel gelernt, dass ich bestimmte Wörter verschlucke. Allerdings ist es hilfreich, wenn man artikuliert und geordnet spricht. Dadurch sinkt der Korrekturaufwand.

 

Dragon macht auch mal Fehler. Wie erkennt man die als Legastheniker?

Wenn ich den Verdacht habe, dass ein Wort nicht richtig erkannt wurde, lasse ich es mir vorlesen. Dann korrigiere ich es.

 

Wie hoch ist die Fehlerquote?

Bei Alltagstexten liegt sie bei 0,1 Prozent, also jedes tausendste Wort. Bei Fachsprachen, zum Beispiel bei einem Text über Philosophie, ist die Fehlerquote anfangs bei 1 Prozent. Allerdings gewöhnt sich Dragon schnell an das neue Vokabular.

 

Dragon nutzt Verfahren der künstlichen Intelligenz.  Wie wirkt sich das aus?

Das neuronale Netz von Dragon lernt in der neuesten Version extrem schnell, wie man spricht und welche Wörter man benutzt.

 

Sie haben 2017 Abitur gemacht. Hat Ihnen Dragon Mut gemacht, auch ein Studium zu schaffen?

Ja, aber mit Physik habe ich mich ohnehin für einen Bereich entschieden, in dem ich die meisten Aufgaben ohne fremde Hilfe lösen kann. Anders als in den Geisteswissenschaften, wo man nur mit einer Spracherkennungssoftware vollständige Autonomie im Studium erreicht.

 

Auch in Physik gibt es schriftliche Prüfungen …

Das in den Physik Prüfungen nicht über Dragon geschrieben wird liegt daran, dass unsere Klausuren hauptsächlich formel- und nicht sprachbasiert sind. Es bleibt aber das Problem, dass ich für ein leserliches Ergebnis viel Zeit benötige. Daher darf ich bei Prüfungen die Aufgaben ohne Zeitbegrenzung an der großen Tafel lösen. Wenn ich mehr Platz habe, ist mein Schriftbild deutlich besser als auf Papier.

 

Wofür nutzen Sie Dragon im Alltag?

Für alles, was textbasiert ist. Ob ich einen Facebook-Beitrag schreibe, eine private E-Mail oder mir Notizen mache. Aktuell nutze ich Dragon für meine Bachelor-Arbeit. Die Formeln schreibe ich mit Hilfe eines Formeleditors. Den Rahmentext und die Kommentare dazu diktiere ich mit Dragon. Das geht sehr gut, weil Dragon lernfähig ist. Vor meiner Bachelor-Arbeit habe ich das Programm über ein Astrophysik-Lexikon laufen lassen.

 

Wie sieht es mit der Geschwindigkeit aus?

Wenn wir einen physikalischen Laborbericht machen müssen, schreibe ich den mittlerweile. Weil ich dank Dragon der Schnellste bin. Die Studienkollegen setzen dann nur noch ein paar Kommas.

 

Haben Sie schon mal andere Spracherkennungsprogramme ausprobiert?

Ja, aber Dragon ist beim Diktieren unangefochten. Die Programme von Apple und Google kommen da nicht ran. Sie arbeiten nicht so fehlerfrei wie Dragon. Außerdem gewöhnen sie sich nicht an verschiedene Sprecher und Akzente.

 

Wie hat sich Ihr persönliches Leben verändert, seit sie Dragon nutzen?

Mit Dragon kann ich autonom arbeiten und mein vollständiges Wissen zu Papier bringen. Dadurch lebe ich heute viel selbstbestimmter als früher. Ich bin nicht mehr darauf angewiesen, dass andere etwas für mich niederschreiben. Ich bin in der komfortablen Position, alles machen zu können, was ich auch ohne Legasthenie machen könnte.

 

Was ist für Sie der schönste Nebeneffekt von Dragon?

Dass ich einfach aufstehen und im Gehen weiterdiktieren kann.

 

Überblick: Dragon Spracherkennungssoftware

 

 

Toni Teschke, 23, ist Student in Potsdam und schreibt aktuell seine Bachelor-Arbeit in theoretischer Astroteilchen-Physik. Die Spracherkennungssoftware Dragon von Nuance nutzt er seit 2011. Nach dem Bachelor will er auf jeden Fall noch einen Master dranhängen. Auch eine Promotion kann er sich gut vorstellen. Sein Traum ist es, später in die Forschung zu gehen.

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Sandra Noetzel

Über Sandra Noetzel

Sandra Noetzel verantwortet das Marketing für Dragon Professional & Consumer (P&C) innerhalb des Geschäftsbereiches Healthcare für DACH und Frankreich. Die ehemalige Tennisspielerin hat an der University of Nebraska, Lincoln und in Oxford, England Kommunikationswissenschaften, Marketing und internationale Ökonomie studiert. Sie liebt College Football, County Music und die Sonne.